Selbstverständlich, sagte der Hausverstand

Wir leben in einer serviceorientierten Welt. Jedes Geschäft (egal ob klein oder groß), jedes Lokal und auch Behörden sind auf den Trend “der Kunde ist König” aufgesprungen. Das ist prinzipiell ja auch nicht schlecht, aber wie viel Service verträgt die Welt überhaupt?

In der Werbung rät uns der Hausverstand dazu ganz einfach zum Beispiel Lebensmittel online zu bestellen. Um mehr braucht sich der Kunde, also wir, nicht mehr zu kümmern. Es gibt eine Vorabauswahl, die uns das Entscheiden erleichtern oder sogar abnehmen soll. Uns wird vorgeschlagen, was wir heute kochen könnten. Wir bestellen es, bezahlen und ein Lieferant steht kurze Zeit später vor der Tür. Anderes Beispiel, ähnliche Situation: wir rufen bei einer Hotline an, sagen was uns stört. Ein Mensch hört sich das ganze an und versucht “selbstverständlicherweise” das Problem für uns zu lösen. Wir fahren mit dem Auto. Uns fällt ein, dass wir am Weg in den Urlaub das Hotel eigentlich gar nicht gebucht haben. Wir betätigen eine Taste. Ein Concierge meldet sich und bucht für uns das gewünschte Hotel. Wir haben Apps, die uns sagen, wann wir etwas trinken sollen. Wir haben Apps, die uns mitteilen, dass wir eine Pause benötigen. Warum eigentlich? Ich bin der Meinung, dass wir wieder viel mehr auf die Signale unseres Unterbewusstseins hören sollten, auch deswegen, damit wir uns nicht selbst eine gewisse Art der Unselbstständigkeit antrainieren.(C) by Marco Lachmann-Anke, Pixabay.com

Mich beschäftigt dieses Thema schon seit längerem, da ich immer öfter mit erlebe, dass die Bereitschaft einen Service bereitzustellen und ihn immer weiter auszubauen dazu führt, dass bei der jüngeren Generation die Selbständigkeit immer weiter sinkt. Alles soll für den Kunden so einfach wie möglich erreichbar sein, dass heißt mit geringstem Aufwand. Doch wohin führt uns das ganze? Wer wird den geforderten Service zur Verfügung stellen, wenn es nur mehr eine Generation “Selbstverständlich” bzw “Unselbstständig” gibt? Denn es gibt ja quasi immer jemanden, der einem die Hindernisse des Alltags abnimmt und einem zum Beispiel beim einkaufen die Sachen hinterher trägt. Hier stellt sich für mich nämlich die Frage, wer diese Leistungen zukünftig erbringen soll, wenn die aktuelle “Dienstleistergeneration” pensioniert wird oder die Branche wechselt. Nehmen wir an, die Fähigkeit eine Handlung eigenständig zu tätigen sinkt stätig, während die Erwartungen an einem oder mehrere Services exponentiell dazu steigt. Dann ergibt sich das Problem, dass Arbeitsplätze (in der Theorie) nur schwerer Nachbesetzt werden können, aber durch die wachsende Bevölkerung oder aber auch bedingt durch Landflucht mehr Arbeitskräfte benötigt werden, um die erwarteten Dienstleistungen erbringen zu können. Um es einfacher darzustellen, würden Sie einen Busfahrer einstellen, der des Fahrens nicht mächtig ist? Ich denke nicht.

Vielleicht liegt die Schwierigkeit nicht nur hier, sondern auch, dass es für geleistete Tätigkeiten oder Waren im Allgemeinen heutzutage nicht mehr soviel Wertschätzung gibt, wie noch vor ein paar Jahrzehnten. Nicht umsonst hieß es  zum Beispiel im Berufsleben damals “wenn du als XY arbeitest, dann bist’ wer”. Es hat sich durch den steigenden Überfluss eine regelrechte Wegwerfgesellschaft entwickelt. Vor kurzem hat eine Studie der Initiative “United Against Waste” veröffentlicht, dass in Österreich alleine nur in der Gastronomie jährlich ca. 205.000 Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden. Mindestens 25% wären allerdings vermeidbar gewesen. Es dürfte also ein allgemeines Gesellschaftsproblem sein, aber wie können wir dieses lösen?
Wir können nicht von einem Tag auf den anderen die Welt (ver)ändern, aber wir sollten uns kleinere Ziele stecken und dann selbst entscheiden, ob und wie weit wir gehen möchten. Ich versuche zu aller erst selbst eine Lösung für ein Problem zu finden, bevor ich bei einer Hotline anrufe oder einenm Service Desk nachfrage. So könnten wir Stück für Stück wieder ein selbstständigeres Leben erlangen. Sehr gefragt sind an dieser Stelle natürlich auch alle Erziehungsberechtigten und Lehrerinnen und Lehrer. Durch Erziehung kann die Selbstständigkeit um einiges angetrieben werden. Es wird auf jeden Fall eine spannende Zukunft.

P.S.: ich kann allen, die sich für dieses Thema interessieren oder nach Hintergrundinformationen suchen folgenden Artikel empfehlen: Der Spiegel: Sei doch mal still! Anleitung zu einer digitalen Diät. Nr.27/ 2.7.12. S. 62 – S. 72 bzw. ein oder mehrere Artikel der Plattform Delta21.

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